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Mittwoch, 4. Oktober 2023

Swim the ocean back over here

Den Satz oben schrieb ein Junge meiner P, kurz nachdem sie von ihrem Highschool-Jahr aus den USA zurück nach Deutschland kam. Das war 2020 und ich habe ihre Erlebnisse damals in einem kleinen Buch verarbeitet, hier.

Die Rückkehr hat ein bisschen länger gedauert als geplant. Fast auf den Tag genau vier Jahre nach ihrer Abreise zum großen Abenteuer flog sie zurück zu ihrer zweiten Familie. Vier Jahre! Ich weiß noch genau, wie ich 2019 meine Fünfzehnjährige verabschiedete und wie viele Tränen ich in den Tagen danach vergossen habe, sie dagegen keine einzige.

Der Flugplan in Buchstaben: FRA — ZRH — JFK + LGA — SYR. 

Es fing alles ziemlich holprig an. Erst krachte ein Scheibenwischerblatt auf der Fahrerseite ab — mitten in der Nacht auf der Autobahn auf dem Weg nach Frankfurt zum Flughafen. Es regnete natürlich in Strömen. Perfektes Timing. Technik-Käpsele K hatte die Idee, den rechten Scheibenwischer ab- und an die Stelle des fehlenden Exemplars zu montieren. Grande. Die Fahrt konnte weitergehen.

Zwei Highlights im Flieger: Bei Swiss Air war das W-LAN umsonst — dafür wurde leider Salat mit Mais serviert, was P hasst, also letzteres. Schließlich in den USA angekommen, musste sie eeewig bei der Einreise warten (sie textete „Es ist krank viel los“ und ich saß hier zuhause wie auf Kohlen). Autoritäre Typen nahmen ihre Fingerabdrücke und fragten, was sie in den USA vorhabe und wie viel Geld sie bei sich führe. Das alles und das Gepäckholen plus die Fahrt (inkl. Stau, war ja klar) nach La Guardia dauerte so lange, dass sie schließlich tatsächlich den Anschlussflug verpasste, was vier weitere Stunden Wartezeit bedeutete (es sollte nicht der letzte Flieger bleiben, den sie verpasst). P blieb erstaunlich entspannt.

(„Fun“ Fact: Im Taxi von JFK nach La Guardia fand sie auf der Rückbank ein Portemonnaie. Sie gab es dem indischen Fahrer. Der meinte: „Oh, das muss der Dame gehören, die ich zuvor gefahren habe. Wo hatte ich sie nochmal hingebracht? Ach ja, Long Island.“ Willkommen im Malheur-Club, die arme Frau)

Am La Guardia-Flughafen musste P am Schalter ihre Misere schildern und den Flug umbuchen. Die Frau an der Gepäckaufgabe war besonders nett und erließ ihr — vermutlich unbeabsichtigt — die Gebühr für ihren schweren, riesigen Koffer (Maximalmaß ausgereizt bis zum Ende) und nannte P „Honey.“ Nach der ganzen Aufregung gönnte sich das Kind eine Pizza für rund 20 EUR. Der Flughafen sei schön, schrieb P, vom Gate habe man Sicht aufs Wasser.

Dann kam sie endlich, endlich am Ziel an, und es war alles gut. Omi fragte P aus der Ferne in der Familiengruppe: „Und — stimmt der Vibe?“ Ja, er stimmte. Ihre US-Familie meinte: „Du bist größer geworden. Und noch hübscher... Aber wo sind deine Curls?“ Drei Wochen bei der Gastfamilie waren geplant. 

Der Vater hat versucht, P das Golf spielen beizubringen („Gar nicht so einfach!“). Sie waren auf einem Nascar-Rennen („Es war sooo laut!!“), beim Rodeo und im Kino („Ich hab mich so auf das Popcorn gefreut, das ist doch das beste am Kino! Und dann haben die nur gesalzenes. Nur diese eine Variante! Oh Mann. Dafür gab es Refill bei den Getränken“). Und sie haben ein Konzert besucht („Was hören sie dort für Musik?“ fragte ich — „Nur Country“). P wurde mit Cowboy-Hut von ihrer Schwester eingekleidet und sie fuhren mit einem Pick-Up, in den sechs Personen passen,  zum Konzert: „Die Autos sind alle soo groß hier! Junge, du musst einen Spagat machen, um in diese Fahrzeuge einzusteigen!“. Der neue Hund hat jede Nacht auf Ps Bettende genächtigt (als sie abgereist war, hat er sich an die gleiche Stelle gelegt und gepienst, awww). Und mit ihrer Schwester ist sie per Pferd durch die weite Landschaft spaziert. P hat sogar an einem sogenannten „Barrel Race“ teilgenommen. Das ist ein Rennen, bei dem man um ein Hindernis (hier Fass) galoppieren muss und die schnellste Zeit gewinnt. Hilfeee. Jede Woche hat die Gast-Omi sie eingeladen zu einem Frühstück in einem Diner im Nachbarort: „Das ist bei denen wie ein richtiges Essen: Rührei, dazu Corned Beef und so eine Art Kartoffelpuffer, nennt sich Hash Browns.“

Sie haben den Geburtstag des Vaters gefeiert und P musste ihn aus dem Haus locken, damit der Rest der Familie eine Überraschung vorbereiten kann. Das ging so: Sie meinte zu ihm „Lass uns Angeln gehen.“ Und dann sind sie zum Pond gefahren und hatten dort sogar ein Boot und sind rausgerudert. Irgendwann meinte P: „Mir ist langweilig, ich hab genug, ich will wieder nach Hause.“ Der Vater war ganz perplex, weil er Spaß am Angeln hatte. P musste eine Ausrede erfinden, weil ja zuhause inzwischen die Gäste warteten. („Das war so schwer für mich. Ich kann einfach nicht lügen“.) Gefeiert wurde mit BBQ plus Feuerwerk. Tags darauf meinte meinte der Vater noch immer ungläubig zu ihr: „Also, das geht mir nicht runter, dass du zu mir gesagt hast, es ist langweilig.“ Hehe.

Knapp eine Woche vor dem gebuchten Rückflug rief P an, es gefalle ihr so gut, sie wolle noch nicht heim. Also den Flug umgebucht und um eine Woche verlängert. Klappte super.

Die Rückreise war  ähnlich holprig wie die Anreise. Der Zubringerflug nach JFK wurde gestrichen. Es war ein ewiges hin- und hergechatte und irgendwann vermeldete die Lufthansa, sie könne den Flug von JFK nach FRA nicht mehr umbuchen, weil es nun zu spät sei. P musste einen neuen Flug kaufen. Und weil die zeitnahen Flüge viel teurer waren, als z.B. zwei Wochen später, buchte sie einen späteren Flug. Aus drei wurden so sechs Wochen Aufenthalt bei der Gastfamilie.

Ohne die ungeplante Verlängerung wäre P einiges entgangen z.B.: Ein Junge aus dem Freundeskreis der Schwester hat sie zum „Pasta-Dinner“ eingeladen: „Meine Mutter hat so viele Tomaten im Garten geerntet, das gibt eine gute Soße.“ Die Soße hat dann seine Mutter zubereitet (hahaha) und die Spaghettini kochte eine Freundin ab, die auch zum Dinner mitkam. Parmesankäse gab es erst gar nicht. P war amüsiert. Zum Trinken hatte der Junge einen Gewürztraminer gereicht. Sie sollte erklären, was das bedeutet, schließlich sei das ja ein deutscher Wein. Aber sie war ratlos (dafür bekam ich den Auftrag, zuhause auch mal Gewürztraminer zu kaufen). Verwundert war sie über das MoMa-Poster, das im Apartment an der Wand hing. P zu dem Jungen: „Wie kommst du dazu??“ Sie war deswegen so erstaunt, weil niemand der übrigen Freunde drüben auch nur im Entferntesten etwas mit Kunst am Hut hat. Der Freund: „Ich finde das Museum cool. Ich hab es besucht, als ich in New York City war.“ Lustigerweise arbeitet er auch in einem Museum — und zwar in nicht irgendeinem Museum, sondern einem ganz tollen: dem Herbert F. Johnson Kunstmuseum auf dem Campus der Cornell University. Wow, was für ein Bau! Am liebsten wär ich kurz rüber geflogen. Kunst allein ist ja schon cool, aber dieses Beton-Gebäude von Ieoh Ming Pei (er hat u.a. auch die berühmte Glaspyramide vom Louvre in Paris entworfen) am Hang über dem Cayuga Lake. Traumhaft. Als mir P den Link zu diesem Museum schickte, schrieb ich ihr, dass sie sich das unbedingt anschauen soll. Ich brauchte mehrere Tage, bis ich sie überzeugen konnte. Am vorletzten Tag ihres Aufenthalts schnappte sich P den Cherokee von ihrer Schwester und fuhr alleine (!) los („Ehm, die Verkehrsregeln sind teils ein bisschen anders als bei uns. Wenn an einer 4-way-stop-Kreuzung vier Autos stehen, gilt nicht rechts vor links, sondern der, der zuerst da war, darf fahren“). Und dann besuchte sie den Kollegen bei der Arbeit. (Humor hat er ja: Als P ihn aus Deutschland anrief, um ihr Englisch zu pflegen, sagte ich „Hallo Alex“ und er antwortete „Hello Mom“. Haha.)

Mit dem Heimflug klappte alles („So einen smoothen Flug hatte ich noch nie“) und wir konnten sie endlich, endlich in die Arme schließen. Noch am Flughafen, als sie auf das Gepäck wartete, googelte P nach Flügen für den Sommer 2024. Tags darauf wurde ein Schokoladenpaket nach Amerika geschickt und über das Oktoberfest 2024 gechattet, das auf dem Plan steht. Der Vater: „Can’t wait.“

PS:
Ich wünschte, ich hätte damals auch so ein Highschool-Jahr gemacht. Meine Eltern hätten mir das ermöglicht. Aber ich hatte nicht die Traute. Um so mehr freue ich mich heute für P. Diese zweite Familie hat sie für immer.

Wichtig zu wissen: Entgegen vieler Meinungen können sich so ein Erlebnis nicht nur „Reiche“ oder Stipendiaten leisten. Nein! Ps Highschool-Jahr damals wurde mit Schüler-BAföG finanziert. Ich wusste vorher auch nicht, dass es so was gibt. Sagt einem ja keiner. Jetzt wisst ihr Bescheid. Mehr Infos hier.

























Donnerstag, 3. Dezember 2020

Pfalzliebe: Die Kalmit

(P fragte gestern: „Wann kommt endlich dein Pfalzbericht auf dem Blog?“ „Seit wann liest du meinen Blog?“ Sonst ist ja immer alles peinlich. Wie auch immer. Hier ist er!)

Die (große) Kalmit ist mit 672,6 Metern der höchste Berg des Pfälzer Waldes (die kleine Schwester hatte ich vor zwei Wochen besucht). Auf der Spitze steht ein großer Sendeturm, daran kann man sie schon von weitem erkennen. Die oberste Baumschicht der Kalmit ist weiß getüncht, Raureif!
 
Hinter dem Ort mit dem schönen Namen Maikammer (wo es nur so vor schönen Sandsteinvillen wimmelt) führt die Kalmithöhenstraße aufwärts. Je weiter man sich die schmalen Serpentinen hinaufschlängelt, desto kühler zeigt das Autothermoteter. Oben hat es frische Minus zwei Grad. Kein Wunder haben alle Wanderer (wirklich alle!) Glühwein in Thermoskannen dabei und wärmen sich von innen auf! Die Hartgesottenen trinken „Eiswein“ äh Riesling aus dem Dubbeglas. Kein Witz!
 
Die Parklätze sind alle voll mit Autos. Vom Parkplatz ganz oben bis zum Kalmithaus sind es nur wenige Schritte zu Fuß. Ich schreite durch den schönsten Kiefernwald, den ich je gesehen habe. Der Boden ist übersät mit Farnen und Blaubeeren! Es ist bitterkalt, meine Finger können kaum die Kamera bedienen (das nächste Mal Handschuhe mit Touch-Funktion!) und das Handy gibt irgendwann auch auf. Kinder laufen in Schneeanzügen umher. Man fühlt sich ein bisschen wie im Skiurlaub... Und: Die Aussicht ist ein absoluter Traum.
 
Bis bald, liebe Kalmit! 


 

 












Strike a pose







Freitag, 27. November 2020

Pfalzliebe: Bad Bergzabern

Meine „Planungen“ für kleine Pfalzausflüge laufen meistens so ab: Google Maps App öffen, auf der Landkarte gucken, was interessant klingt, hinfahren. So war es mit dem „Kloster Liebfrauenberg“ in Bad Bergzabern. Ein kurzes Stück Autobahn fahren, dann ein paar pfälzische Dörfer mit lustig klingenden Namen (Minderslachen, Barbelroth, Kapellen-Drusweiler) durchqueren und das Auto am Ziel parken, das ich mir auf der Karte ausgeguckt hatte — in diesem Falle beim Klinikum Landau-Südliche Weinstraße. Ab da zu Fuß weiter. 
 
Dass das Gebäude seit den 2000er Jahren kein Kloster mehr ist, habe ich erst im Nachhinein über Wikipedia erfahren (auf dem Gelände ist jetzt ein Pflegeheim und ein Reiterhof). Aber das macht nichts. Schön ist es auf der kleinen Anhöhe allemal; vor allem auch der Weg dorthin. Man streift durch Weinberge, kommt an Pferdeweiden vorbei und an einem verwunschenen Anwesen. Google Maps sagt mir, es heißt „Villa Pistoria“. 
 
Auf dem Weg zurück taucht im Wald plötzlich ein Mini-Friedhof auf. Dann wieder Weinberge nebst bezauberndem Blick auf Bad Bergzabern. Nebenbei erfährt man dank der Schilder, welche Rebsorten hier so wachsen. Am Ende der Wanderung verabschiedet mich ein großer Strauch mit lauter knallblauen Kugeln — Schlehen (wie ich auf Nachfrage bei meiner sachkundigen Mama erfahre). Sie sind verwandt mit Zwetschgen und wunderschön. Und man kann daraus Schlehenlikör selber machen! Hätte ich das nur früher gewusst, dann hätte ich ein paar gepflückt!
 
Auf der Rückfahrt Rätselraten: das schmale weißen Haus mit Turm  — ist das eine Kapelle oder ein Wohnhaus? Noch ein kurzer Stopp bei einem Hofladen für ein paar Kilo süß-säuerliche Äpfel. Kurz vor Karlsruhe kommt die Sonne heraus und blinzelt durch die Leitplanken. Sie färbt das weiße Hochhaus rosa. Die Stadt hat mich wieder.

 













 

Freitag, 20. November 2020

Pfalzliebe die X-te: Die Kleine Kalmit

Die Idee zum Ausflug zur Kleinen Kalmit (von lat. calvus mons, kahler Berg) lieferte der Pfalz-Newsletter, der wöchentlich in meine Mailbox flattert. Neben Sehenswürdigkeiten- oder Wandertipps enthält er immer auch ein Rezept, sehr cool. Diesmal hatte mich der Newsletter beim Stichwort „Rebenmeerwanderung“. R e b e n m e e r !  Also schnell nach Ilbesheim bei Landau, um ein Bad im Meer zu nehmen — bevor es alle Blätter abgeworfen hat...
 
Durch die Reben aufwärts gelangt man zu einem kleinen Kapellchen mit dem Namen Mater Dolorosa (dessen Vordach im Sommer leider Vandalismus zum Opfer fiel — man sieht noch die Spuren, wo das Vordach einmal war). Dieser Ort ist ein gut besuchtes Ziel — sehr nachvollziehbar: Nach hinten hat man eine fantastische Aussicht auf die Hügel des Pfälzer Waldes und auf Ilbesheim. Nach vorne blickt man auf die Rheinebene und den Schwarzwald. 
 
Was mir beim Wandern aufgefallen ist: entgegenkommende Pfälzer sagen einem alle freundlich hallo. Das hat mich an Garmisch erinnert, wo einen auch sämtliche Fremde grüßen. Und noch etwas hat mich an Bayern erinnert: die hügeligen Wiese unterhalb der Kleinen Kalmit — ähnlich hübsch wie die Buckelwiesen im Werdenfelser Land. Es lagen tatsächlich Leute im Gras, trotz herbstlicher Temperaturen. Ob die obligatorische Rieslingflasche dabei war, konnte ich von weitem nicht erkennen. Ich bin mir aber ziemlich sicher.